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TARGIT oder Power BI: Wo Ihr BI-Werkzeug eigentlich rechnet

· 9 Min. Lesezeit

Eine Kennzahl kann an drei verschiedenen Orten entstehen: im Data Warehouse, im Datenmodell oder im Frontend — in einer Berechnung also, die erst auf dem Bildschirm entsteht. TARGIT und Power BI haben sich historisch für unterschiedliche Schwerpunkte entschieden. Das klingt nach einer Detailfrage für Entwickler, entscheidet aber darüber, wer im Unternehmen eine Kennzahl ändern darf und ob eine einmal definierte Zahl überall dieselbe ist.

Auf einen Blick — was b-imtec dazu sagt:

  • TARGIT bringt rund 50 vordefinierte Berechnungen mit, die auf der Kreuztabelle arbeiten: Perzentile, Median, Standardabweichung, akkumulierte Summen, gleitende Durchschnitte, Rangfolgen und weitere.
  • Power BI rechnet klassisch im Semantikmodell über DAX. 27 Quick Measures erzeugen diesen DAX per Dialog, ohne dass jemand eine Formel schreibt.
  • Seit Mai 2026 kann Power BI mit Visual Calculations auch auf dem Visual rechnen — also dort, wo TARGIT immer schon gerechnet hat. Der Umfang liegt aktuell bei 11 Vorlagen.
  • Das eine ist nicht besser als das andere. Modellberechnungen sind wiederverwendbar und kontrollierbar, Ansichtsberechnungen sind schneller und näher an der Frage.
  • Calculation Groups sind Power BIs Antwort auf Measure-Wildwuchs: eine Logik, angewendet auf beliebig viele Kennzahlen. Der Preis steht selten dabei — implizite Measures funktionieren danach nicht mehr.
  • Die Entscheidung gehört nicht ans Ende eines Projekts, sondern an den Anfang — sie bestimmt, wie viele Kennzahlendefinitionen später im Umlauf sind.

Drei Orte, an denen eine Kennzahl entstehen kann

Der Unterschied lässt sich an einer einfachen Frage festmachen: Rechnet das Werkzeug mit allen Daten oder mit den angezeigten?

Eine Berechnung im Data Warehouse entsteht beim Laden. Sie ist materialisiert, für alle Auswertungen identisch und maximal nachvollziehbar — dafür ändert sie sich erst beim nächsten Ladelauf, und wer sie anpassen will, braucht Zugriff auf die Strecke davor. Das ist der richtige Ort für alles, was ohnehin feststeht: Umsatz nach Abzug von Skonto, eine bereinigte Kundennummer, eine fertige Deckungsbeitragsstufe.

Eine Berechnung im Datenmodell kennt den vollständigen Datenbestand. Sie wird einmal definiert, bekommt einen Namen und steht danach in jedem Bericht zur Verfügung. Ändert jemand die Definition, ändert sie sich überall — gewollt wie ungewollt.

Eine Berechnung in der Ansicht kennt nur das, was gerade in der Tabelle steht. Sie rechnet mit den sichtbaren Zeilen und Spalten. Wird die Tabelle umsortiert, gefiltert oder anders gruppiert, rechnet sie neu. Dafür ist sie in Sekunden angelegt und niemand muss das Modell anfassen.

Beides ist legitim. Problematisch wird es erst, wenn niemand im Projekt weiß, welche der beiden Rechenarten gerade eine Zahl erzeugt hat.

Was TARGIT mitbringt: 50 fertige Berechnungen auf der Kreuztabelle

TARGIT dokumentiert in seiner Community rund 50 vordefinierte Berechnungen, die in insgesamt 78 Varianten angeboten werden. Die Varianten sind der eigentliche Hinweis auf das Konzept: 37 Einträge gelten „as a column“, 28 „as a measure“, 13 „as a row“. Die Berechnung ist also an ihre Position in der Kreuztabelle gebunden, nicht an eine Stelle im Modell.

Inhaltlich deckt die Liste vier Bereiche ab:

  • Statistik: 25. und 75. Perzentil, Median, Standardabweichung, Streuung
  • Akkumulation: laufende Summen von oben oder von links, akkumulierte Durchschnitte, akkumulierte Summen innerhalb einer Hierarchieebene
  • Zeitreihen: zentrierter Dreimonatsdurchschnitt, gleitender Zwölfmonatsdurchschnitt
  • Vergleiche: Differenz zur Vorzeile absolut und prozentual, Vergleich erster gegen zweite Spalte, Rangfolgen auf- und absteigend

Am aufschlussreichsten ist ein Paar, das leicht zu übersehen ist: TARGIT unterscheidet zwischen der Summe der sichtbaren und der Summe der ausgeblendeten Werte. Eine solche Unterscheidung ergibt nur dort Sinn, wo die Anzeige der Bezugsrahmen ist. In einem Modell gibt es keine ausgeblendeten Werte — dort gibt es nur Filter.

Angenommen, eine Umsatztabelle zeigt zwölf Regionen, drei davon sind ausgeblendet. Soll die Zeile „Gesamt“ nun neun oder zwölf Regionen summieren? TARGIT lässt beide Antworten zu und zwingt zur bewussten Wahl.

Power BI hat an genau dieser Stelle nachgezogen. Mit Custom Totals lässt sich seit Mai 2026 per Rechtsklick festlegen, was die Summenzeile einer Tabelle oder Matrix zeigt: Summe, Durchschnitt, Minimum, Maximum oder Anzahl der angezeigten Zeilen. Technisch sind Custom Totals selbst Visual Calculations. Der Unterschied ist damit kleiner geworden, als er noch vor einem Jahr war.

Wer TARGIT im Einsatz hat oder es bewertet, findet die Einordnung dieser Werkzeugklasse auf unserer Seite zur TARGIT Decision Suite.

Was Power BI mitbringt: erst das Modell, seit Mai 2026 auch das Visual

Power BI kommt aus der anderen Richtung. Kennzahlen entstehen dort als Measures im Semantikmodell, formuliert in DAX. Dafür gibt es Quick Measures: ein Dialog, in den Felder gezogen werden und der den passenden DAX-Ausdruck erzeugt. Microsoft dokumentiert dort 27 Berechnungen in sechs Gruppen — Aggregation je Kategorie, Filter, Zeitintelligenz, Summen, mathematische Operationen und Text. Jahresvergleich, laufende Summe und gleitender Durchschnitt sind darunter.

Das Ergebnis bleibt in jedem Fall eine Measure im Modell. Sie ist benannt, wiederverwendbar und unterliegt denselben Regeln wie jede andere Kennzahl.

Im Mai 2026 hat Microsoft Visual Calculations allgemein verfügbar gemacht. Diese rechnen nicht im Modell, sondern auf dem Visual — auf den Zeilen und Spalten, die dort tatsächlich stehen. Die mitgelieferten Vorlagen umfassen laufende Summe, gleitenden Durchschnitt, Anteil am übergeordneten Wert, Anteil am Gesamtwert, Durchschnitt der untergeordneten Werte, Vergleiche mit dem vorherigen, nächsten, ersten und letzten Wert sowie zwei Nachschlagefunktionen. Das sind 11 Vorlagen.

Für Power-BI-Anwender ist das eine spürbare Erleichterung: Berechnungen, die vorher eine neue Kennzahl im Modell erforderten, bleiben jetzt dort, wo sie hingehören — im Bericht. Wie sich der Microsoft-Stack insgesamt entwickelt, ordnen wir auf der Seite zu Power BI ein.

Calculation Groups: Power BIs Antwort auf den Measure-Wildwuchs

Wer im Modell rechnet, bekommt ein Mengenproblem. Fünf Kennzahlen mal Vorjahr, YTD und Abweichung ergeben fünfzehn Measures, die dieselbe Logik in fünfzehn Varianten wiederholen. Ändert sich die Definition des Vorjahresvergleichs, ist sie fünfzehnmal zu ändern — und beim sechzehnten Mal vergisst sie jemand.

Calculation Groups lösen genau das. Die Logik wird einmal als Berechnungselement hinterlegt und über die Funktion `SELECTEDMEASURE()` auf jede beliebige Kennzahl angewendet. Aus fünfzehn Measures werden fünf plus eine Gruppe mit drei Elementen. Im Bericht erscheinen sie als Spalte oder Filter, mit dem der Anwender zwischen Ist, Plan, YTD und Vorjahr umschaltet. Jedes Element bringt sein eigenes Zahlenformat mit, sodass Währungsbeträge und Prozentwerte im selben Visual korrekt dargestellt werden — ohne Hilfskennzahlen.

Damit sind sie die stärkste Antwort auf die Governance-Frage von weiter oben: eine Definition, an einer Stelle, für alle Kennzahlen. Microsoft nennt als typische Fälle Zeitvergleiche, Szenarien wie Ist/Plan/Forecast, Währungsumrechnung und den Wechsel der aktiven Datumsachse per Filter.

Der Preis steht selten dabei. Sobald eine Calculation Group im Modell ist, funktionieren implizite Measures nicht mehr — Microsoft setzt dafür die Eigenschaft `DiscourageImplicitMeasures` voraus. Ein Feld einfach ins Visual ziehen und Power BI summieren lassen, also genau das, was Self-Service ausmacht, entfällt damit. Jede Kennzahl muss vorher explizit als Measure existieren. Dazu kommen drei weitere Einschränkungen: Zeilenbasierte Sicherheit wird auf Calculation Groups nicht unterstützt, sämtliche Measures des Modells wechseln intern auf den Datentyp `variant`, und Zwischensummen über verschiedene Berechnungselemente ergeben keinen sinnvollen Wert.

Für ein gepflegtes Modell mit klarer Verantwortung ist das ein guter Tausch. Für ein Haus, in dem Fachbereiche sich ihre Auswertungen selbst zusammenklicken, ist es eine Umstellung, die vorher besprochen gehört — nicht eine, die man nebenbei aktiviert.

Die eigentliche Nachricht ist der Zeitpunkt

Wer beide Entwicklungen nebeneinanderlegt, sieht eine Annäherung — und zwar in eine Richtung. Power BI hat 2026 als Neuerung ausgeliefert, was in TARGIT seit Langem das Grundprinzip ist: Rechnen auf dem, was angezeigt wird.

Daraus wird schnell ein Verkaufsargument gebaut, und genau davor sei gewarnt. Der Umfang ist heute unterschiedlich — 11 Vorlagen gegen 50 Berechnungen —, aber Umfang ist kein Qualitätsmaß. Entscheidend ist, ob die Berechnungen gebraucht werden, die tatsächlich vorhanden sind. Ein Controlling, das mit laufender Summe und Vorjahresvergleich auskommt, braucht kein Perzentil.

Umgekehrt gilt: Wer regelmäßig mit Verteilungen arbeitet — Perzentile, Median, Streuung —, findet in TARGIT fertig vor, was in Power BI geschrieben werden muss. Das ist kein prinzipieller, sondern ein praktischer Unterschied. Er kostet Zeit, und zwar jedes Mal.

Was das im Projekt bedeutet

Aus über 300 BI-Projekten im Mittelstand lässt sich der Unterschied auf drei Fragen herunterbrechen, die jedes Projekt früher oder später beantworten muss.

Wer darf eine Kennzahl definieren? Modellberechnungen brauchen jemanden, der das Modell verantwortet. Ansichtsberechnungen kann jeder anlegen, der einen Bericht baut. Das ist gleichzeitig ihr Vorteil und ihr Risiko.

Was passiert, wenn dieselbe Zahl an zwei Stellen berechnet wird? Wird eine Kennzahl im Modell definiert, gibt es sie einmal. Wird sie in fünf Berichten als Ansichtsberechnung gebaut, gibt es sie fünfmal — und sie kann fünfmal unterschiedlich altern, wenn jemand eine der fünf anpasst.

Wie schnell muss eine Antwort da sein? In einer laufenden Analyse ist die Ansichtsberechnung überlegen, weil sie keinen Modellwechsel und keine Freigabe braucht. Für eine Kennzahl, die im Monatsbericht an die Geschäftsführung geht, ist die Modellberechnung der sichere Weg.

In der Praxis fällt die Entscheidung selten grundsätzlich, sondern pro Kennzahl. Genau das sollte bewusst geschehen und nicht davon abhängen, welches Werkzeug gerade offen ist. Welches Werkzeug zu welchem Fall passt, behandeln wir im direkten Vergleich von TARGIT und Power BI.

Wann welcher Ansatz trägt

Für die Modellberechnung spricht, wenn eine Kennzahl an mehreren Stellen auftaucht, wenn sie extern berichtet wird, wenn mehrere Fachbereiche dieselbe Definition brauchen oder wenn nachvollziehbar sein muss, wer sie wann geändert hat.

Für die Ansichtsberechnung spricht, wenn eine Frage einmalig ist, wenn während einer Sitzung gerechnet wird, wenn die Kennzahl nur im Kontext genau dieser Tabelle Sinn ergibt oder wenn der Weg über das Modell länger dauert als die Antwort wert ist.

Gegen beides spricht, wenn im Unternehmen niemand sagen kann, welcher Weg gerade gewählt wurde. Widersprüchliche Zahlen zwischen zwei Abteilungen haben ihre Ursache selten im Werkzeug und fast immer darin, dass mehrere Definitionen nebeneinander existieren, ohne dass jemand davon weiß.

Fazit

Die Frage „TARGIT oder Power BI“ lässt sich über die Berechnungsarten nicht entscheiden — beide können inzwischen beides, nur unterschiedlich weit. Die nützlichere Frage lautet: Wo soll die Kennzahl entstehen, die Sie gerade brauchen, und wer verantwortet sie danach?

Wer diese Frage im Projekt einmal sauber beantwortet, spart sich die Diskussion darüber, warum der Umsatz in zwei Berichten unterschiedlich hoch ist.

Häufig gestellte Fragen zu Berechnungen in TARGIT und Power BI

Was sind Predefined Calculations in TARGIT?

Predefined Calculations sind rund 50 vordefinierte Berechnungen, die TARGIT ohne eigene Formel bereitstellt — darunter Perzentile, Median, Standardabweichung, akkumulierte Summen, gleitende Durchschnitte und Rangfolgen. Sie werden in 78 Varianten angeboten, jeweils als Spalte, Zeile oder Measure, und rechnen auf der angezeigten Kreuztabelle statt im Datenmodell.

Kann Power BI dasselbe wie die vordefinierten Berechnungen in TARGIT?

Teilweise. Power BI erzeugt über 27 Quick Measures fertigen DAX für gängige Berechnungen im Datenmodell. Seit Mai 2026 gibt es zusätzlich Visual Calculations, die wie in TARGIT auf dem Visual rechnen — mit 11 Vorlagen gegenüber rund 50 Berechnungen. Ebenfalls seit Mai 2026 erlauben Custom Totals, die Summenzeile per Rechtsklick auf die angezeigten Zeilen zu beziehen. Alles darüber hinaus bleibt in Power BI DAX-Handarbeit.

Was sind Visual Calculations in Power BI?

Visual Calculations sind Berechnungen, die direkt auf einem Visual arbeiten statt im Semantikmodell. Sie sind seit Mai 2026 allgemein verfügbar und umfassen 11 Vorlagen: laufende Summe, gleitender Durchschnitt, Anteil am übergeordneten und am Gesamtwert, Durchschnitt untergeordneter Werte, Vergleiche mit dem vorherigen, nächsten, ersten und letzten Wert sowie zwei Nachschlagefunktionen.

Soll eine Kennzahl im Modell oder in der Ansicht berechnet werden?

Im Modell, wenn die Kennzahl mehrfach verwendet wird, extern berichtet wird oder nachvollziehbar versioniert sein muss. In der Ansicht, wenn die Frage einmalig ist oder die Berechnung nur im Kontext genau dieser Tabelle Sinn ergibt. Der häufigste Fehler ist nicht die falsche Wahl, sondern eine unbewusste — dieselbe Kennzahl entsteht dann an mehreren Stellen mit auseinanderlaufenden Definitionen.

Was sind Calculation Groups in Power BI?

Calculation Groups fassen eine wiederkehrende Berechnungslogik einmalig zusammen und wenden sie über `SELECTEDMEASURE()` auf beliebige Kennzahlen an. Statt für jede Kennzahl eigene Varianten für Vorjahr, YTD und Abweichung zu bauen, entsteht eine Gruppe mit wenigen Berechnungselementen, die im Bericht als Spalte oder Filter erscheint. Wichtig für die Planung: Sobald eine Calculation Group im Modell existiert, funktionieren implizite Measures nicht mehr — jede Kennzahl muss explizit als Measure angelegt sein. Auch zeilenbasierte Sicherheit wird auf Calculation Groups nicht unterstützt.

Welches Werkzeug ist besser für statistische Auswertungen?

TARGIT liefert Perzentile, Median, Standardabweichung und Streuung als fertige Berechnungen mit. In Power BI sind diese über DAX möglich, aber nicht als Vorlage hinterlegt. Wer regelmäßig mit Verteilungen statt nur mit Summen und Durchschnitten arbeitet, spart mit TARGIT wiederkehrenden Aufwand. Für reine Summen-, Vergleichs- und Zeitreihenlogik nehmen sich beide Werkzeuge wenig.

Quellen und Autor

Quellen: TARGIT Community — Predefined Calculations · Microsoft Learn — Quick Measures · Microsoft Learn — Visual Calculations · Microsoft Learn — Custom Totals in Matrix-Visuals · Microsoft Learn — Calculation Groups

Über den Autor: Thomas Körting verantwortet Marketing und Vertrieb bei b-imtec und schreibt im Klartext-Blog über Business Intelligence, Datenarchitektur und die Frage, was von Produktankündigungen im Projekt übrig bleibt.

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Thomas Körting
Geschrieben von Thomas Körting Marketing & Vertrieb · b-imtec GmbH

Schreibt über BI-Strategie, Praxiserfahrungen und das, was im Mittelstand wirklich funktioniert.

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